Male C. Pig a.k.a. Svinopolist (piggymouse) wrote,
Male C. Pig a.k.a. Svinopolist
piggymouse

Fragmente aus dem Stunden-Buch

 
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum 
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe. 
Und manchmal bin ich wie der Baum, 
der, reif und rauschend, über einem Grabe 
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe 
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen) 
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Denn Herr, die großen Städte sind 
Verlorene und Aufgelöste; 
wie Flucht vor Flammen ist die größte, – 
und ist kein Trost, daß er sie tröste, 
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer, 
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde, 
geängsteter denn eine Erstlingsherde; 
und draußen wacht und atmet deine Erde, 
sie aber sind und wissen es nicht mehr.

Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen, 
die immer in demselben Schatten sind, 
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen 
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, – 
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Da blühen Jungfraun auf zum Unbekannten 
und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh; 
das aber ist nicht da, wofür sie brannten, 
und zitternd schließen sie sich wieder zu. 
Und haben in verhüllten Hinterzimmern 
die Tage der enttäuschten Mutterschaft, 
der langen Nächte willenloses Wimmern 
und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft. 
Und ganz im Dunkel stehn die Sterbebetten, 
und langsam sehnen sie sich dazu hin; 
und sterben lange, sterben wie in Ketten 
und gehen aus wie eine Bettlerin.

Da leben Menschen, weißerblühte, blasse, 
und sterben staunend an der schweren Welt. 
Und keiner sieht die klaffende Grimasse, 
zu der das Lächeln einer zarten Rasse 
in namenlosen Nächten sich entstellt.

Sie gehn umher, entwürdigt durch die Müh, 
sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen, 
und ihre Kleider werden welk an ihnen, 
und ihre schönen Hände altern früh.

Die Menge drängt und denkt nicht sie zu schonen, 
obwohl sie etwas zögernd sind und schwach, – 
nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen, 
gehn ihnen leise eine Weile nach.

Sie sind gegeben unter hundert Quäler, 
und, angeschrien von jeder Stunde Schlag, 
kreisen sie einsam um die Hospitäler 
und warten angstvoll auf den Einlaßtag.

Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Grüße 
sie in der Kindheit wundersam gestreift, – 
der kleine Tod, wie man ihn dort begreift; 
ihr eigener hängt grün und ohne Süße 
wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.
Tags: poetry, rilke
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